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Vom Glück des Lebens und der Kunst, ihm eine Stimme zu geben. 4 Vogelstimmen
🕑 9:17 Min. | Von Barbara Römer | Zum Produkt
Das Glück ist kaum zu fassen. Nicht nur, dass es durch die Zeitläufte hindurch von Denkenden und Dichtenden unterschiedlich betrachtet und beschrieben wurde, jede*r stellt auch individuelle Erwartungen an das Glück. Manchen genügt die Zufriedenheit des kleinen Augenblicks, während es für andere der große Erfolg des Lebens sein muss. Ich für meinen Teil habe mein kleines Glück gefunden: im Sonnenschein auf dem Balkon sitzend, ein Buch in der Hand, eine Katze auf dem Schoß – in diesem Moment setzt sich Kairos, der Gott des glücklichen Augenblicks, zu mir und lauscht mit mir gemeinsam dem Zwitschern und Keckern, Pfeifen, Flöten und Krakeelen der Vögel.
Ein Stück vom Glück
Denn ich wohne zwar in der Innenstadt, zumindest sehr nah an der Innenstadt (oder wie wir hier sagen: einmal längsschlagen, schon bin ich da), aber trotzdem im Grünen. Oder am Grünen, genauer gesagt. Der Park Luftlinie ein, zwei Flügelschläge entfernt, und der Innenhof direkt vor meiner Balkon-Nase. Ein Innenhof, der es im wahrsten Sinne des Wortes in sich hat: nämlich dichten Baumbestand mit Rosskastanien und Birken, Linden und Kirschbäumen, und einst hat ein frischgebackener Vater sogar einen Apfelbaum gepflanzt. Nistkästen hängen an den Stämmen, Wasserschalen sind als Tränken aufgestellt, Meisenknödel drehen sich im Wind und manchmal hängt der Buntspecht kopfüber vom Ast. Ein kleines städtisches Paradies für Vögel, wie es scheint, zumindest ein willkommener Lebensraum, denn es flötet und trötet unentwegt in die Lüfte oder zu uns Menschlichen herab. Zu mancher Uhrzeit ergibt sich daraus gar die reinste Kakophonie, vor allem im Frühling und Sommer rund um den Sonnenaufgang.
Wie ich in diesem Lärm glücklich sein kann? Zunächst einmal sitze ich morgens um vier noch nicht auf dem Balkon. Und tatsächlich fördert Vogelgesang die mentale Gesundheit, er wirkt aufmunternd, kann Ängstlichkeit und Depressionen mildern und sogar paranoiden Gedanken entgegenwirken, wie eine Studie unter anderem des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung bestätigte. Ich höre dem Gesang unserer Vögel selbst dann für mein Leben gern zu, wenn der Zilpzalp so hartnäckig zilpt und zalpt, als wolle er mit stetem Tropfen nicht den Stein, sondern meinen Gehörgang weiter aushöhlen. Und wenn die Mönchsgrasmücke loslegt, klingt sie in meinen Ohren wie ein Rotkehlchen auf Speed.
Überhaupt scheine ich Vogelstimmen anders wahrzunehmen. Der Kollege, der so firm in der Bestimmung von Vogelgesängen ist und alljährlich erfolgreich am Birdrace teilnimmt, erzählte mir, der Gesang des Rotkehlchens gelte als melancholischster unter unseren Singvögeln. Aha? Ich erkenne da keine Melancholie, für mich klingt ein Rotkehlchen einfach nach guter Laune, gepaart mit leichtem Wahnsinn. Und höre ich melodisch knödelnde Amseln, erscheinen vor meinem geistigen Auge Opernsänger*innen mit voluminösem Resonanzkörper.
Es war die Nachtigall und nicht die Lerche
Doch bitte denken Sie nicht, ich könnte Vögel an ihrem Gesang erkennen. Ich kann Nachtigall und Lerche höchstens mit Shakespeare und der Erkundung der Tageszeit auseinanderhalten. Ich erkenne den spezifischen Gesang einer Vogelart nicht einmal mithilfe eines Bestimmungsbuches. Das darin beschriebene „Sriii sriii“ der Mauersegler kann ich so gerade eben noch nachvollziehen, aber angeblich ruft ein anderer Vogel Dinge wie „Zi zi zi tsja tsja sürrrrr siiia twet twet siwa siwa wiiewa zia zia!“ Wohl dem, der mit diesen Transkriptionen etwas anfangen kann, ich kann es nicht. Ich habe eine App. Mit der nehme ich den Vogelgesang auf, und die App bestimmt daraufhin die Vogelart – in Kategorien wie unsicher, wahrscheinlich, sehr sicher oder auch „Entschuldige, wir haben technische Probleme, bitte versuche es später noch einmal.“
Die Schwierigkeit, Vogelgesang schriftlich niederzulegen, ist gewiss dem unterschiedlichen Stimmapparat von Mensch und Vogel geschuldet. Wie wollen wir in Buchstaben ausdrücken, was dem Menschen stimmlich nahezu unmöglich ist? Wie schaffen es Singvögel überhaupt, derart komplexe Melodien in solcher Lautstärke von sich zu geben? Der Zaunkönig ist ein Winzling und schmettert trotzdem, als habe er das Lungenvolumen eines Apnoetauchers.
Kleine Schotten mit Dudelsack
Doch es ist nicht die Größe ihrer Lunge, verehrte Leserschaft, es sind vor allem ihre Luftsäcke, die Singvögel zu solch ausdauernden Leistungen befähigen. Diese Luftsäcke sind mit der Vogellunge verbunden und funktionieren ähnlich wie Blasebälge. Sie sind nicht nur an der Regulierung der Körpertemperatur beteiligt, sondern ermöglichen zudem den kontinuierlichen Luftstrom in der Lunge und unterstützen darüber hinaus die Stimmbildung. Jedem Stieglitz, jeder Meise wohnen, wenn Sie so wollen, kleine Schotten inne, die munter ihren Dudelsack blasen und für ausdauernden, anhaltenden Gesang sorgen. Diese Wahnsinnstöne, Frequenzen und Melodien ermöglicht wiederum der besondere Stimmkopf (Syrinx) der Vögel: Er ist mit Membranen ausgestattet, die bei hochfrequenter Ausatmung in Schwingung versetzt werden – die reinsten Orgelpfeifen. Manche Vögel können die Membranen rechts und links des Stimmkopfes sogar unterschiedlich schwingen lassen und dadurch mehrstimmig singen.
Ihr Auftritt, Monsieur Morel
Viel Spaß beim Nachmachen. Ich bin dazu nicht imstande, wenn ich pfeife, klinge ich wie ein kaputtes Ventil, doch bestimmt nicht wie eine trällernde Lerche. Selbst wenn man Ihnen die Flötentöne nicht beibringen müsste, würde ein Vogel Ihr Flöten und Zwitschern vermutlich auch schnell als Fake News erkennen.
Die täuschend echte Nachahmung des Vogelgesangs mit Stimmbändern, Zunge, Lippen gelingt nicht einmal Monsieur François Morel, der in den südfranzösischen Alpen lebt, von Wäldern und mannigfachen Vogelgesängen umgeben. Bereits den sechsjährigen François faszinierten die vielstimmigen Gesänge so sehr, dass er beschloss, mit den Vögeln „ins Gespräch“ zu kommen. Trotz seines sehr jungen Alters bewies François fortan äußerste Beharrlichkeit und wahre Leidenschaft. Und da, wie erwähnt, der menschliche Stimmapparat nicht dazu ausgelegt ist, wie ein Vogel zu zwitschern, ersinnt François Morel seit jenen Kindertagen Vogelstimmenpfeifen.
Unglaublich viel Geduld und konzentriertes Hinhören, Suchen und Ausprobieren, Einfallsreichtum und Kenntnis von Materialien und ihren Klangeigenschaften gehören zu dieser Arbeit. Selbst wenn ich berücksichtige, dass Monsieur Morel als ausgewiesener Ornithologe eine Vogelstimme besser einer Vogelart zuordnen kann als ich, sind doch ein ausgesprochen feines Gehör und hohe Kreativität erforderlich, die spezifischen Klangmöglichkeiten eines Stücks Holz oder Metall zu identifizieren, und unfassbar viel Erfahrung, um komplexe Tonfolgen durch die Kombination von Holzkegeln, Blechschnipseln, Lederstücken, Eisenstiften und Gummiziehharmonikas zu reproduzieren.
Wie schön ist das: handwerkliche Kunstwerke
„Quelle est belle“ nennt Morel seine kleine Werkstatt, „wie schön ist das“, und ich könnte es treffender nicht umschreiben. Seit Jahrzehnten entwickelt Morel unermüdlich seine Vogelstimmenpfeifen, wobei „Pfeifen“ eine unzureichende Bezeichnung ist, handwerkliche Kunstwerke fasst es sehr viel besser. Überwiegend Buchen-, Linden- und Kiefernholz verwendend, drechselt und schleift, schneidet, hämmert und klebt Morel – mittlerweile von seiner Tochter unterstützt, die er angesteckt hat mit seiner Begeisterung für Vogelgesänge und wie sie zu imitieren sind.
Akribisch-kunstvolles Handwerk ist das eine, das Beste aber ist: Die Vogelpfeifen funktionieren. Wie bei jedem Instrument muss man das Spiel anfangs ein wenig üben, aber wenn Sie Atmung, Dreh und Schwenk erst einmal raushaben, imitieren Sie mit dem kleinen Instrument die Vogelstimme perfekt. Und dies ist keine bloße Behauptung, sondern eine Erkenntnis, die auf einer Erfahrung fußt: Die Vögel antworten.
Ja, sie antworten – sofern Ihre ausgesuchte Vogelart gerade in Hörreichweite ist. Auf dem Berliner Kurfürstendamm dürften Sie weniger Erfolg haben als im Gartenreich Dessau-Wörlitz, versteht sich. Und erwarten Sie bitte nicht, dass sich die Blaumeise zu Ihnen gesellt, um Ihnen fröhlich von ihren Erlebnissen des Tages vorzuzwitschern. So informativ und verständnisvoll verläuft das vermeintliche „Gespräch“ zwischen Mensch und Vogel nicht, ebenso wenig wie die „Unterhaltung“ von Vogel zu Vogel.
Ich bin, ich singe, ich werde siegen
Denn Vogelgesang ist kein „Gespräch“ im Sinne eines Austauschs von Gedanken oder gar Argumenten. Es ist eine Herausforderung, ein Sängerwettstreit, in dem sich die Kontrahenten eine Aneinanderreihung von Behauptungen an den Kopf werfen (oder singen). Oder wie es eine Ornithologin so schön formulierte: „Was wir als schönen Gesang hören, ist in Wahrheit nichts anderes als ‚Ich! Ich! Ich! Meins! Meins! Meins! Paaren! Paaren! Paaren!‘“ Diese Vogelmännchen sind gleichsam selbstverliebte kleine Machos. Sie singen, um das Weibchen für sich einzunehmen, um ihr Revier abzugrenzen, um Rivalen fernzuhalten – also um erfolgreich ihren Genpool weitergeben zu können.
Je kräftiger und komplexer ihr Gesang, umso deutlicher erhebt sich die Stimme der Evolution. Sie singt vom Fortbestand der Art, sie singt vom Glück des Lebens – ein Glück, wie ich es erklingen höre, wenn ich dem Vogelgesang in meinem Innenhof lausche.
Produkt im Fokus
Ein Set bekannter und beliebter Vogelarten · Aus ausgesuchten Materialien handwerklich gefertigt · Gebrauch mit wenig Übung erlernbar



